Mehr tot als lebendig

Mehr tot als lebendig

Ende September 2020 erhielten wir die Meldung über einen kranken Kater aus Bochum-Hiltrop. Der Kater würde dort schon viele Jahre leben und hätte nun eine große Halswunde.

Leider konnten wir tagelang unsere Lebendfalle nirgendwo aufstellen, da die Melderinnen Angst um ihre eigenen Freigängerkatzen hatten und es augenscheinlich auch keine Futter- und Übernachtungsstelle für das Katerchen gab.

Nur durch Zufall bekamen wir Kontakt zu einer älteren Dame, die den Kater gelegentlich fütterte und durften unsere Falle dort aufstellen.

Am 3. Oktober ging Karlsson, wie wir ihn später tauften, in die Falle und sein Zustand war so erbärmlich, dass wir ihn direkt in der Klinik vorstellten.

Die Wunde war ganz offensichtlich schon viele Wochen lang vorhanden, und der Gesamtzustand laut Ärztin so schlimm wie wir es befürchteten. Zu unserem Entsetzen war Karlsson noch nicht einmal kastriert worden, obwohl wir von einer Melderin erfuhren, dass diese ihre eigene Katze 2010 von ihm decken ließen und er immer wieder zu ihnen ans Haus kam.

Niemand kümmerte sich jahrelang –mitten in Bochum- um diesen herrenlosen, völlig auf sich alleine gestellten Kater, obwohl dort in der Gegend viele Leute leben, die sich als Tierfreunde verstehen.

Wir sind bis heute entsetzt darüber, wie man einfach nur weg sehen konnte und sein Gewissen vermutlich damit etwas beruhigte, dass man Karlsson ab und zu etwas Futter hinstellte….

Wenn man sich schon selbst nicht um die Kastration und tierärztliche Versorgung kümmern möchte, so hätte man zumindest eine Tierschutzorganisation um Hilfe bitten können und zwar nicht erst dann, wenn das Katerchen mehr tot als lebendig ist!

Da in der Klinik eine FIV-Infektion diagnostiziert wurde und sein Zustand so verheerend war, sollte Karlsson eingeschläfert werden. Alle anderen Blutwerte waren jedoch gut und unsere Erfahrung mit Streunerkatzen in der Vergangenheit zeigt, dass sie einen echten Überlebenswillen haben und sich mit menschlicher Zuwendung und Pflege sehr oft gut erholen. Deshalb wollten wir ihm eine Chance geben: Karlsson wurde kastriert, die Wunde versorgt und er in einer Notpflegestelle von uns aufgenommen.

Der kleine Mann war am Anfang zwar noch etwas misstrauisch Menschen gegenüber; aber wer kann ihm das schon verübeln….

Inzwischen – im Januar 2021- hat er sich körperlich super erholt! Sein Fell ist nicht mehr gelb, sondern weiß und glänzt. Die Wunde ist längst abgeheilt. Und er liebt die Zuwendung seines Pflegefrauchens! Er wird täglich gebürstet, bekommt hochwertiges Futter. Leider hat die schlechte Nahrungsversorgung der mindestens 12 Jahre, die er als Streuner draußen verbringen musste, ihre Spuren hinterlassen und er hat noch Verdauungsprobleme. Wir sind aber zuversichtlich, dass wir auch hierfür eine Lösung finden.

Klar ist, dass Karlsson nie wieder raus möchte. Den Schnee in den letzten Tagen hat er entspannt vom Fenster aus auf der warmen Fensterbank beobachtet. Nicht mehr wie früher, als er in der Kälte ohne Unterschlupf und sichere Versorgung mitten in unserer Stadt unter Menschen, die um seine Situation wussten, sein Leben fristen musste…